Träumerin mit eigenem Kopf
Von Markus Bruderreck
Foto: Bodo Vitus
„Ich möchte, dass die Uhren stehen bleiben, wenn ich singe“ sagt
Christine Schäfer. „Ich möchte einen Moment so intensiv gestalten, dass man hinterher nicht weiß, warum er so besonders ist.“ Das gelingt der Sopranistin immer wieder, sei es mit scharf konturierten Rollenporträts auf der Opernbühne oder mit facettenreichen Liedinterpretationen. Im Juni 2012 wird sie, gemeinsam mit der Filharmonica della Scala unter Leitung von Daniel Harding, bei einem Sonderkonzert des Beethovenfestes Bonn 2012 die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss interpretieren. Von diesem Abend darf man viel erwarten. Aber auch schon früher hat das Publikum den Atem angehalten, wenn Christine Schäfer singt.
Im Musiktheater entstehen zuweilen magische Momente. Alles passt plötzlich zusammen: Regie, Musik, Bühne, Sänger – eine perfekte Einheit. So ist es auch im Sommer 2006 bei den Salzburger Festspielen, als dort die Premiere von Mozarts „Le Nozze di Figaro“ über die Bühne geht. „Ich werde ja immer noch auf den ‚Figaro’ angesprochen“, meint Christine Schäfer. „Ich weiß wirklich nicht, was da so besonders war an jenem Abend. Da schaust du selber als Letzte rein“. Kaum zu glauben, dass Christine Schäfer nicht geahnt hat, dass ihr in der Rolle des Cherubino ein überragendes Porträt dieses zerbrechlichen Heranwachsenden gelungen ist. Ihr zarter, aber auch lyrischer und wendiger Sopran passt dazu: Eine Stimme, so nuancenreich und ungekünstelt wie Christine Schäfer selbst. Nach der Salzburger „Figaro“-Premiere wird in der Presse ein Wettlauf der Primadonnen inszeniert – ihre Partnerin als Susanna ist Anna Netrebko. Eine Konkurrenz jedoch hat es nie gegeben. „Wir mögen einander“ meint Christine Schäfer. Und Anna Netrebko sagt über ihre Kollegin: „Für mich ist sie eine der vollendetsten Sopranistinnen unserer Zeit.“
Wenn etwas der 1965 in Frankfurt geborenen Christine Schäfer fremd ist, dann sind es die Allüren einer Diva. Bodenständiger ist wohl kaum eine der großen Sopranistinnen, die eine Weltkarriere hingelegt haben. Die großen Häuser hat Schäfer alle erobert, stehen sie nun in Salzburg, London, Paris oder in New York. Das klingt, als könne es ewig so weitergehen. Doch die Sängerin will den hochtourig laufenden Klassikbetrieb nicht so ohne weiteres bedienen, sich nicht anpassen. „Ich liebe jede Form von Unabhängigkeit“ betont sie. Und was bei anderen Künstlern nur Pose ist, bei ihr wird es Ernst.
Ihr Lebenslauf beginnt zunächst nicht spektakulär. Die Eltern erziehen ihre Töchter Christine und Susanne bürgerlich, Musik und Literatur spielen eine große Rolle. Bei Christine aber klappt die Schule nicht so gut, nach der 12. Klasse ist Schluss. Die Eltern schlagen ihr vor, in den heimischen Metzgereibetrieb einzusteigen. Fleischwurst über die Ladentheke zu reichen, auch das kann sich Christine Schäfer eine Zeit lang vorstellen: „Ich bin halt ein handwerklicher Typ“. Als Backfisch beginnt sie, zu komponieren. „Meine Eltern haben mich für bekloppt erklärt“, meint die Sängerin, ganz frei heraus. „Und ich habe ganz viele Noten geschrieben“. Die Beschäftigung mit der Materie führt dazu, dass Christine Schäfer eine enge Beziehung zur zeitgenössischen Musik entwickelt. Vor allem die Partie der „Lulu“ aus Alban Bergs gleichnamiger Oper liebt sie innig, immer wenn das Stück in Frankfurt auf dem Programm steht, ist sie im Opernhaus. Ihr musikalisches Rüstzeug erhält sie allerdings erst später, an der Berliner Hochschule für Musik. Sieben Jahre lang, von 1984 bis 1991, gibt ihr dort die Gesangspädagogin Ingrid Figur alles mit, was man für eine Karriere braucht. Auch andere Lehrer unterrichten sie, große Namen sind darunter wie Arléen Auger, Sena Jurinac und Dietrich Fischer-Dieskau.
Schon 1992 folgt das erste Opernengagement. Doch Christine Schäfer widmet sich auch einer Sparte, um die andere Sänger oft einen Bogen machen: dem Liedgesang. Hier liebt sie einen Ton, wie man ihn zum Beispiel in ihrer CD-Aufnahme von Schuberts „Winterreise“ hört: unmittelbar, schlicht und intim. Etwas anders wird Christine Schäfer wohl an die „Vier letzten Lieder“ herangehen. Richard Strauss hat sie zwar durchsichtig instrumentiert. Doch oft, wenn Christine Schäfer singt, müssen Dirigenten die Dynamik anpassen. „Wenn eine laute Stelle ist, muss das Orchester leise spielen. Weil ich meine Stimme nur bis zu einem gewissen Pegel produzieren kann“.
Dass es für Christine Schäfer nicht immer das gängige, klassische Repertoire sein muss, hat sie immer wieder bewiesen. „Ich kann diese Trennung von E- und U-Musik nicht mehr verstehen“, meint sie. Das Wort „Liederabend“ möchte die Sängerin in Zukunft ernst nehmen und auch alte deutsche Schlager aufs Programm setzen. Privat hört Christine Schäfer vor allem Rock, Pop und Hip-Hop, Madonna ist für sie „einfach Spitzenklasse“. Wenn der Unmut über den reglementierten Klassikbetrieb mit ihr durchgeht, fallen auch Sätze wie: „Ich kann mich nicht andauernd mit der Singerei beschäftigen. Das geht mir auf die Nerven.“ Stimmt: Die beiden Töchter Alva und Helena verlangen viel Aufmerksamkeit von ihr. Bei allem Frust über den künstlerischen Stand der Dinge, der manchmal aufkommt, weiß Christine Schäfer, dass sie einen himmlischen Job hat. „Man hat so Träume, als Kind, was man verwirklichen will. Und wenn man nicht aufhört, zu träumen, dann tut man es irgendwann. Das geht mir jetzt so.“
Samstag, 2.6.2012, 20 UhrBeethovenhalle
Filarmonica della ScalaChristine Schäfer Sopran
Daniel Harding Dirigent
Giuseppe Verdi: Ouvertüre zu „La forza del destino“ („Die Macht des Schicksals“)
Richard Strauss: Vier letzte Lieder
Antonin Dvorák: Symphonie Nr. 8 G-Dur
Euro 95 I 80 I 66 I 49 I 39