Kent Nagano zu Gast beim Beethovenfest Bonn 2012
Sanfter Schallwellenreiter
Kent Nagano gibt mit dem Bayerischen Staatsorchester zwei Konzerte beim Beethovenfest Bonn 2012
Von Thilo Komma-Pöllath
Maestro. Schon allein dieses Wort, bei dem alles Mögliche mitschwingt, nur selten etwas harmonisches. Macht und Genius und Selbstverliebtheit. Und dann zieht sich Kent Nagano plötzlich die Schuhe aus. Es ist sieben Uhr morgens, der erste Flug von Berlin nach München. Am Vorabend hat Nagano mit dem Orchester der Bayerischen Staatsoper in der Philharmonie die Neunte von Bruckner gegeben. Und jetzt sitzt er in Reihe 18, Holzklasse, links und rechts neben ihm Tochter Karin und Gattin Mari. „In der Business Class können wir nicht alle nebeneinander sitzen. Wenn wir schon mal zusammen reisen, dann lassen wir uns auch nicht trennen“, sagt Nagano. Er streift sich die braunen Lederslipper von den Füßen, um es sich bequem zu machen. Soweit das in der Enge überhaupt geht. Er trägt ein weiß-blau gerautetes Hemd, ein typisches Understatement des Weltstars für seine geliebte Wahlheimat München. Es hat wohl selten einen gefeierten Dirigenten gegeben, der mit weniger Ego auskommt. Am 15. September gastiert der Wilhelm Furtwängler-Preisträger von 2010 mit Schubert, Bruckner und dem Staatsorchester beim Beethovenfest in Bonn.
Ende November feierte Kent Nagano im kleinsten Kreis seiner Familie in Norwegen seinen 60. Geburtstag, es dürften auf Sicht die letzten ruhigen Tage für den Amerikaner gewesen sein, der seit 2006 Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper ist. Kurz vor Weihnachten begannen die Proben für den Ring des Nibelungen, Wagners Groß-Epos, das Nagano in seiner letzten Saison 2012/2013 in einer Neuinszenierung auf die Bühne der Münchner Oper bringen wird. Es ist sein Abschiedsgeschenk an die Stadt, die seit seiner Kindheit eine besondere Magie auf ihn ausübt und die er dann nach sieben Jahren verlassen wird. Warum, dazu hat er sich nie öffentlich geäußert, doch die Ränkespiele im Hintergrund haben ihn mürbe gemacht, soviel scheint sicher. „Macht interessiert mich nicht. Ich fühle mich für die Musik und meine Musiker verantwortlich, das ist etwas ganz anderes“, erklärt Nagano seine Form des Leaderships, das immer ohne die ganz große Geste ausgekommen ist. Da kann er seine zurückhaltenden japanischen Wurzeln kaum verleugnen. Nagano, das ist die analytische, abgespeckte auf das wesentliche reduzierte Essenz der Musik. Und doch: Im barocken München hätten sie gerne auch mal einen opulenten Mainstream-Verdi oder Puccini gesehen, aber dafür ist Nagano ein zu großer Feingeist als dass er sich apodiktischen Intendantenwünschen oder Zeitgeist-Trends einfach so unterwirft. „Ich kämpfe für meine Überzeugungen“, sagt Nagano. „Aber wenn du deine eigenen Werte verschiebst, weil die aktuellen Trends gerade andere sind, dann ist das problematisch.“ Nagano ist in vielen Dingen anders als andere Pultstars seiner Generation. Ein empathischer Charakter, einer, der neugierig ist auf die Menschen, die ihm zuhören und die Wirkungsmacht von Musik („Musik ist die machtvollste Sprache, die wir haben“). In München liebt es Nagano mit seiner Tochter durch den Englischen Park zu spazieren und unmittelbar den Kontakt zu seinem Publikum zu suchen. Er ist stolz darauf, dass er in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurde und nennt es „das ehrlichste Publikum, das es gibt“. In Montreal, wo Nagano parallel Musikdirektor des Orchestre Symphonique de Montreal ist, hat er sich seit Jahren für einen neuen, eigenen Konzertsaal eingesetzt, den er als offene Begegnungsstätte zwischen Musikern und Publikum begreift. Anfang September öffnete der 200 Millionen Dollar-Klangkörper trotz vieler Widerstände seine Pforten – vor allem dank Nagano. Oder vor drei Jahren, als auf seine Initiative hin das Orchester aus Montreal die Nunavik-Eskimos im Norden Kanadas besuchte und ihnen Mozarts „Kleine Nachtmusik“ vorspielte, obwohl diese nie zuvor sinfonische Musik gehört hatten. Er musste erst eine Art Teufelsaustreibung über sich ergehen lassen, bis die Stammesvorderen bereit waren, ihm zu zuhören. „Ich habe gesagt, wenn man sich in klassische Musik verlieben soll, dann geht das nur mit Mozart“, erinnert sich der stille Maestro. „Nach dem Konzert sind die Menschen ganz aufgewühlt zu mir gekommen und haben sich bedankt. Sie haben gesagt: `Wir wissen nicht, wer dieser Mozart sein soll, aber er klingt wahnsinnig toll!“ Grenzen haben Nagano, der an der Elite-Universität in Berkeley Musik und Soziologie studiert hat, nie interessiert. Keine geschmäcklerischen, keine musikalischen, keine gesellschaftlichen. Er hat mit Placido Domingo genauso kollaboriert wie mit Punk-Rocker Frank Zappa. Er liebt die Säulenheiligen des Münchner Barock wie Orlando di Lasso, Richard Strauss und Richard Wagner genauso wie Zeitgenössisches von Olivier Messiaen, dessen Schüler Nagano war und der ihn nach Europa holte. Wenn Karajan oder Zubin Metha die Hierarchie zwischen Dirigent und Orchester zementierte, löst Nagano diese Kluft, weil er sie für unproduktiv hält, wieder auf. In München duzt er jeden einzelnen Musiker, als Nagano in den 90ern Chef der Los Angeles Philharmonic war, ging er mit Orchestermitgliedern nach den Proben zum Surfen. „Im Meer herrscht völlige Gleichheit, ganz egal, ob du ein erfolgreicher Dirigent oder ein Straßenmusikant bist. Das gemeinsame Surfen hat uns persönlich und musikalisch so viel näher gebracht, als wenn wir nur miteinander gearbeitet hätten.“ Nagano, der als Sohn eines Artischockenbauers an der amerikanischen Westküste aufgewachsen ist, zieht aus der Natur die Energie für seine Kunst. Nur mit dem Surfen dürfte sich der sanfte Schallwellenreiter bei seinem Gastspiel am Rhein etwas schwer tun.
